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Meran wird hip

Im einst so braven Kurort legt ein Londoner DJ auf, und die neue Therme stammt von Matteo Thun.
Von Anne Lemhöfer, DIE ZEIT

Wäre die Stadt Meran auf der Suche nach einer neuen Wappenfarbe, es spräche vieles für Orange. Orange wie eine Süßsauersoße beim Chinesen leuchtet es aus den bauchigen Gläsern, die auf fast jedem Cafétisch an der Freiheitsstraße im Zentrum des ältesten Kurorts Südtirols stehen. Weißwein, Aperol, Mineralwasser: Das sind die Zutaten für den Veneziano, einen Cocktail, auf den sich in diesem Frühjahr hier offenbar alle geeinigt haben. Die Meraner und die Touristen. Die Ehepaare aus Deutschland und die jungen italienischen Mütter mit den dreirädrigen Kinderwagen. Die Hornbrillenträger und die Schüler mit ihren wollenen Ballonmützen. Meran ist orange gepunktet. Vormittags in den Einkaufsstraßen. Mittags vor den Pizzerien. Nachmittags im Panoramarestaurant oben an der Sesselliftstation. Nachts in den Bars. Der Veneziano schmeckt frisch und fruchtig und beduselt gerade so viel, dass die weiß gekalkten Altstadthäuser und die Schneereste auf den Alpengipfeln etwas pastelliger wirken. Es gab Zeiten, da trank man keine Cocktails in Meran. Die Touristen, die in Bussen über den Brenner anreisten, kauften holzgeschnitzte Engel in den Geschäften. Sie kamen zur Apfelblüte und wohnten in Pensionen. Der Mythos der Kaiserin Sisi, die hier im 19. Jahrhundert mehrere Kuraufenthalte verbrachte, zog die Leute an.

Das Image der altmodischen Kurstadt klebte bis in die späten Neunziger an Meran. Langsam löst es sich ab. Das hat auch mit Melanie Aukenthaler zu tun. Ihre Clublounge Sketch ist der Treffpunkt der Jugend. Melanie Aukenthaler, gebürtige Meranerin, in weißer Bluse und wadenlangem Rock schlichter gekleidet als ihre Gäste, serviert einen Veneziano nach dem anderen. Noch vor ein paar Jahren wären jetzt die elf Glockenschläge von der katholischen Pfarrkirche und das Gurgeln des Flusses Passer die einzigen Geräusche gewesen. Die jungen Einheimischen hätten weder Passer noch Glocken gehört, zumindest nicht am Wochenende. Denn dann fuhren sie zum Feiern nach Bozen, Mailand oder München. »Ausgehen in Meran, das war praktisch nicht möglich. Volksmusik und Après-Ski - mehr gab es nicht«, sagt Melanie Aukenthaler. Heute führt der Weg der Nachtschwärmer auch in die umgekehrte Richtung.

Melanie Aukenthaler wischt mit einem feuchten Lappen über die Bar, holt ein Beck‘s aus dem vollen Kühlschrank, lässt den Kronkorken aufschnappen, kassiert Münzen. Vor zehn Jahren hat sie noch in Mailand gewohnt, wo sie Betriebswirtschaft studiert hat. Nach Meran zurückkehren, in dieses Städtchen mit seinen 38000 Einwohnern? Das war damals schwer vorstellbar. Aukenthaler hat es trotzdem getan, um in das Familienunternehmen ihrer Eltern einzusteigen. Die Aukenthalers betreiben seit Jahrzehnten das Hotel Aurora an der Kurpromenade. Nur weiterführen, was schon da ist, war der Tochter aber nicht genug. Sie hat 2007 mit ihrem Bruder Philipp, einem Grafikdesigner, die Clublounge Sketch eröffnet, neben dem traditionellen Haus. »Ein richtiger Club, das war unser Traum«, sagt sie. Die Wände sind kalkweiß, die Möbel altrosa wie Rhabarberkompott, ein DJ-Pult steht im Keller. Da wird Scott Ferguson aus London später seinen Plattenkoffer öffnen und Detroit-Techno spielen, als wäre er im Berghain in Berlin. Unten im Keller tanzen sich gerade die Ersten zu den Beats des Meraner DJs Walter Garber warm, der sich Veloziped nennt. Vor Kurzem hat er Redakteure des deutschen Musikmagazins Intro herumgeführt, das über Südtirols aufstrebende Kulturszene berichten wollte. 

Nicht tanzen geht nicht, man wogt einfach mit in der Menge, von einer geweißten Natursteinwand zur anderen. Mittags, wenn Melanie Aukenthaler ihren Eltern nebenan am Empfang des altehrwürdigen Hotels hilft, geht es viel dezenter zu. Die Gäste huschen vorbei und lassen sich ihre Zimmerschlüssel mit den Apfelanhängern reichen. Wohl ersetzt die Bionade den Almdudler auf der Getränkekarte. Aber unter den Kaffeekännchen wellen sich beim Frühstück wie eh und je weiße Spitzendeckchen. Das neue Meran hat das alte nicht verdrängt. Tradition und Fortschritt führen eine friedliche Koexistenz. Bei den Aukenthalers sogar in ein und derselben Familie.

Auszug aus „Techno mit Spitze“ in „DIE ZEIT“ vom 08.06.2010