Ursula Huber
Ursula Huber wurde 1952 in Meran geboren und lebt und arbeitet heute als freischaffende Künstlerin in Eppan an der Weinstraße in Südtirol. Ihr künstlerischer Werdegang ist geprägt von einer fundierten internationalen Ausbildung und der kontinuierlichen Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Materialien und Techniken. Sie besuchte unter anderem die Sommerakademie in Salzburg bei Prof. Gernot Rumpf, die Art Glass Academy in Wien bei Prof. Harvey K. Littleton und erhielt 1986 ein Stipendium für einen Studienaufenthalt in North Carolina (USA). Weitere technische Ausbildungen absolvierte sie in Zürich sowie an der Akademie Cignaroli in Verona.
Im Laufe ihrer künstlerischen Entwicklung etablierte sich Ursula Huber sowohl als Bildhauerin als auch als Malerin. Besondere Anerkennung erlangte sie durch ihre Arbeiten mit Glas, Stahl, Beton und Asphalt. Ihre Werke bewegen sich zwischen Skulptur, Installation und teilweise auch Videoarbeit, wobei unterschiedliche Medien miteinander in Dialog treten. Ein zentrales Motiv ihres Schaffens ist die reduzierte menschliche Figur, insbesondere die abstrahierte Form des Kopfes, die sie als „Ego“ bezeichnet. Mit minimalistischer Formensprache thematisiert sie gesellschaftliche Spannungen, menschliche Beziehungen sowie Fragen der Identität und Wahrnehmung.
Charakteristisch für Hubers Arbeiten ist die Verbindung von Materialität und Symbolik. Sie nutzt die Eigenschaften von Glas, Metall und anderen Werkstoffen, um Spannungsfelder zwischen Transparenz und Schwere, Stabilität und Veränderung sowie Licht und Schatten sichtbar zu machen. Viele ihrer oft monumentalen Skulpturen und Installationen entfalten ihre Wirkung im Zusammenspiel mit dem umgebenden Raum und verändern sich je nach Perspektive und Lichteinfall. Dabei entstehen Werke, die zugleich kraftvoll und poetisch wirken und den Betrachter zur Reflexion über Mensch, Natur und Gesellschaft anregen.
Über
Horizont
Der Horizont ist kein Ort. Er ist eine Haltung. Er beschreibt einen Blick, der sich nicht mit dem Gegebenen zufriedengibt. Einen Raum, der sich aus Wissen, Kultur und Bewegung speist. Der Horizont entsteht dort, wo das Bekannte überschritten wird – wo Denken sich ausdehnt und Offenheit zur Voraussetzung wird. In diesem Sinne ist der Horizont kein fixer Punkt, sondern ein bewegliches Gefüge. In Anlehnung an Hans-Georg Gadamer lässt er sich als ein Raum des Verstehens begreifen, der sich mit jeder Erfahrung verschiebt. Wahrnehmung ist nie abgeschlossen, sondern Teil eines Prozesses, in dem sich Perspektiven überlagern und neu formieren.
Die Horizontlinie liegt auf Augenhöhe. Sie ist eine Waagrechte, eine scheinbar stabile Grenze – und zugleich eine Konstruktion der Wahrnehmung. Sie verbindet Körper, Raum und Blick, doch sie markiert kein Ende. Im Sinne von Edmund Husserl verweist sie auf das, was sich entzieht: auf ein Kontinuum jenseits des Sichtbaren, das jede Erfahrung begleitet.
Das Werk besteht aus sechzehn einzelnen Paneelen, die jeweils für sich stehen und sich zugleich zu einem Gesamtbild fügen. Jedes Element ist in einen Holzrahmen gefasst, der die konstruktive Grundlage bildet. Darauf entwickelt sich ein schichtweiser Aufbau aus Beton, der modelliert, verdichtet und partiell wieder abgetragen wird. Die mittige Linie, die sich über alle Paneele hinwegzieht, wird als Horizontlinie lesbar. Sie strukturiert das Werk, verbindet die einzelnen Elemente und verankert die Komposition auf einer visuellen Ebene, die sich an der menschlichen Augenhöhe orientiert.
Das Relief versteht sich nicht als Oberfläche, sondern als Verdichtung. Material wird nicht geformt, sondern freigelegt. Die rohe Struktur, die Tiefe, die Brüche erinnern an geologische Prozesse, an Kräfte, die über Zeit wirken. Natur erscheint hier nicht als Abbild, sondern als Prinzip.
Die Felswand ist kein Motiv, sondern ein Zustand. Sie steht für Widerstand, Reibung und den notwendigen Aufwand des Aufstiegs. Transformation geschieht nicht linear, sondern durch Druck, Erosion und wiederholte Einwirkung. Wasser, Hitze und Kälte schreiben sich in die Oberfläche ein und erzeugen eine Bildsprache, die weder rein konstruiert noch zufällig ist.
Der Horizont bleibt dabei ein Versprechen. Er öffnet den Raum über das Materielle hinaus und steht für Bewegung, Erweiterung und die Möglichkeit, bestehende Grenzen zu verschieben. Die Maßstäbe sind hoch gesetzt – nicht als Einschränkung, sondern als Haltung.
Zwischen Vergangenheit und Zukunft entsteht ein Spannungsfeld, das bewusst nicht aufgelöst wird. Eine leise Referenz an Aurora – an den Moment des Übergangs, in dem etwas beginnt, ohne bereits festgelegt zu sein.
Das Werk lässt sich von außen nach innen lesen. Oder umgekehrt. Im Innersten liegt der erste Impuls – unfassbar, noch ohne klare Form. Skizzen und Entwürfe sind Annäherungen an diesen Moment.
Erst in der Bewegung nach außen konkretisiert sich die Idee. Der erste Eingriff, die erste Spur im Material markiert den Punkt, an dem Intuition in Form übergeht. Hier beginnt das Werk.
Der Horizont ist dabei keine Grenze, sondern eine Verschiebung – ein Zustand zwischen dem, was war, und dem, was möglich wird. Ein Raum, in dem sich Erfahrung, Erinnerung und Projektion überlagern.
Was entzieht sich unserem Blick, während wir ihn zu fassen versuchen?
Vielleicht liegt die Antwort genau dort, wo der Horizont verläuft – an einer Linie, die keine ist.
Carte Blanche
Ein Raum für zeitgenössische Perspektiven. Lokale und internationale Künstlerinnen und Künstler zeigen ihre Arbeiten in einem hybriden Format – als physische Ausstellung im Haus und als digitale Galerie.




















